|
Ab dem 1.8.2006 Ihre neuer Ansprechpartnerin im Club für
Britische Hütehunde für Bobtail in Not:
Michaela Horn-Pivotti, Feldstr.1, 21729 Freiburg an der Elbe Tel. 04779 / 420 E-Mail: michaela.horn-pivotti@t-online.de
Tierschutzbeauftragte des Clubs für Britische Hütehunde: Inge Holz, Dammweg 6, 38723 Seesen
Tel. 05381 / 80 53 Fax 05381 / 98 93 69 E-Mail: tierschutz@cfbrh.de
Bobtails in Not?
“Do not make the mistake of treating your dogs like humans or they will treat you like dogs."
James O'Heare
Armutszeugnis für die Halter
Wer als Hundehalter im allgemeinen und Bobtail-Liebhaber im besonderen von den zahlreichen
Schicksalen hört, wie viele "gescheiterte" Bobtails pro Jahr weitervermittelt werden müssen, weil ihre Erstbesitzer sie nicht mehr halten können oder wollen, der muß erschrecken. Und
wir erfahren noch mehr: In der Regel werden die Hunde wegen „Verhaltensproblemen“ abgegeben, wobei offenbar die erwachsen werdenden Bobtail-Rüden einen größeren Teil stellen.
Der Hund - ein nicht demokratisch gestimmtes Rudeltier
Das heutige Problem in der Hundehaltung liegt schlicht und einfach darin, daß zu viele
Hundehalter dabei versagen, ihrem Hund verständlich und überzeugend klar zu machen, daß nicht er, sondern sie der Chef des Familienrudels sind und daher im Zweifelsfalle zu
entscheiden haben, was das Rudel als Gesamtes oder die einzelnen Rudelmitglieder im Besonderen zu tun und zu lassen haben.
Wir müssen uns schon damit abfinden, daß Wölfe und Hunde keine Demokraten sind - auch wenn das vielen Hundehaltern und -trainern nicht in ihr Weltbild passt. Alpha- und
Dominanzkonzepte müssen jedoch überdacht werden, wie die neuere Forschung zeigt.
Die Ordnung im Hunderudel
Fassen wir einmal kurz zusammen:
Das Leben im Hunderudel verläuft in einer hierarchischen Ordnung. Das bedeutet, daß jedes
Mitglied eine genau definierte Stellung hat. Es gibt einen weiblichen und einen männlichen Rudelboss, die anderen Rudelmitglieder stehen auf jeweils abgestuften Positionen darunter.
Die Vorstellung, es gäbe nur ein männliches Leittier, ist mittlerweile dahingehend revidiert worden, daß es offenbar zwei getrennte Rangordnungen zwischen männlichen und weiblichen
Rudelmitgliedern gibt. Und: Es hat den Anschein, daß in vielen Fällen die Hündin und nicht der Rüde bestimmt, wo es langgeht!
So weit, so gut. Aber: Diese Ordnung ist nicht statisch und zwar in vielerlei Hinsicht:
1. Einzelne Rudelmitglieder versuchen, sich in der Hierarchie nach oben zu arbeiten,
weil die oberen Plätze mit den besseren Lebensbedingungen einhergehen: Wer darf z.B. die fettesten Stücke der gemeinsam erlegten Beute fressen, wer darf decken, bzw. gedeckt
werden und damit die Chance zu eigenem Nachwuchs bekommen, etc. Aber auch Bosse werden älter, „funktionieren“ weniger gut, die Ablösung durch einen Jüngeren steht an. Die
Jungen müssen erst einmal untereinander klarstellen, wer den Boss herausfordern darf. Ist das geklärt und hat dieses Tier dem Rudelchef eine Niederlage zugefügt, so ist es zum neuen
Boss aufgestiegen, dem sich nun die anderen unterzuordnen haben.
2. Die Rudelführung wird situationsabhängig getroffen, d.h. wenn z.B. ein in der
Rangordnung niedrig stehendes Tier einfach der schnellste Sprinter ist, kann dieses durchaus an der Spitze des Rudels eine Jagd auf ein Wildtier anführen. Geht es dagegen dicht an die
Territoriumsgrenzen des Rudels, ist es das ranghöchste Tier das führt.
3. Die Qualität eines wirklichen Führungstiers ist gerade daran abzulesen, dass es nicht
immer auf seinen Anspruch an Führung, Entscheidung - und vor allem Erhalt, Besitz, Verteidigung der bestehenden Ressourcen besteht, sondern auch hier situationsabhängig
agiert, wobei äußere Merkmale der Situation ebenso einfließen wie einfach die momentane Befindlichkeit des Cheftieres. Mal ist er so gut gelaunt, dass er die schnöseligen Frechheiten
eines Pubertierenden schlichtweg ignoriert, ein andermal hat er einfach schlechte Laune und es gibt eine harsche Zurechtweisung.
Neuere Forschungen weisen darauf hin, dass man es nicht mit einer völlig eindeutig strukturierten Ordnung zu tun hat, sondern dass es oft auch zum Tausch von Positionen
kommt, die dann wieder rückgängig gemacht werden. Leittiere räumen gelegentlich ihren Untergebenen Rechte ein, die eigentlich nur ihnen selbst zustünden, sie haben es nicht nötig,
ständig den Chef heraushängen zu lassen - aber das können nur die wirklich Souveränen!
Rangordnung wird nicht darüber hergestellt, dass im Rudel permanent körperlich gekämpft
wird - das wäre für die Gesamtheit des Rudels fatal, da es mit der Schwächung einzelner Rudelmitglieder einherginge. Vieles läuft auf subtilen Wegen ab, ohne Einsatz von
körperlicher Gewalt. Dennoch wird auch körperlich eingewirkt. Aber diese Einwirkung wird äußerst dosiert eingesetzt; kurz, knapp, aber heftig und in der Regel so eindrücklich, dass
eine Auseinandersetzung genügt. Der Boss im Rudel ist keinesfalls per se das körperlich stärkste Tier, sondern er zeichnet sich durch geistige Überlegenheit, ruhige Autorität, erfolgreiches Handeln aus.
Bereits den Welpen werden von den Alttieren bewusst Grenzen gesetzt, sie müssen lernen, wo sie in der Hierarchie stehen und dass sie diese zu respektieren haben. Im Prozess des
Aufwachsens erlernen die jungen Hunde die Kommunikation unter Hunden. Ein Bestandteil dieser Kommunikation ist es, wie man in einer Situation die Überlegenheit eines anderes
Hundes erkennt, wie man sich einem solchen gegenüber verhält, wie man selber dominieren kann.
Ein Hund braucht ein Leben in einer für ihn klar ersichtlichen Rangordnung. Lebt er mit
Menschen zusammen, sind diese sein Rudel. Gesteht der Mensch dem Hund eine über ihm angesiedelte Position zu, darf er sich nicht wundern, wenn sein Hund diese voll ausnutzt
indem er sich z.B. mit seinen Zähnen dagegen wehrt, vom gemütlichen Fernsehsessel vertrieben zu werden.
Einordnung schafft Sicherheit - für den Hund!
Der Hund ist als Rudeltier nicht nur daran gewöhnt, dass er sich in einer Hierarchie
einordnen muss, in der klare Regeln und Verantwortlichkeiten bestehen, sondern er braucht diese auch. Es ist unser Job als Hundehalter sich vom ersten Tag an als Rudelführer
verhalten und damit dem Hund wesentlichen Halt zu geben.
Viele Hunde, die keine klare Einordnung in ihr Familienrudel erfahren, fühlen sich alles
andere als wohl - ihnen fehlt die Sicherheit ihre Geschicke vertrauensvoll ganz in die Hände eines Rudelbosses legen zu können. Solche Hunde stehen häufig permanent unter Stress, mit
nachteiligen Auswirkungen auf ihr gesamtes Verhalten. Nicht umsonst steht in der Therapie extrem ängstlicher Hunde in der Regel die Klarstellung der Beziehung zum Halter zunächst
einmal im Vordergrund, denn oft zeigt sich, dass der Hund in einer alles andere als klar geregelten Beziehung in übergeordneter Position lebt.
Die besonderen Eigenschaften des Bobtails
Nun unterscheiden sich Hunde aber in zwei sehr wesentlichen Punkten:
1. Zeigen sie ausgeprägtes Streben in der Rangordnung nach oben zu kommen
oder sind sie zufrieden mit der Position, die ihre Halter ihnen zugestanden haben?
2. Wenn sie eine ranghohe Position innehaben - nutzen sie diese dann auch in aller Konsequenz aus?
Tja, und damit sind wir bei unseren Bobtails angelangt: Der Bobtail gehört eindeutig zu den Rassen, die ein sehr sensibles Rangordnungs- und
Autoritätsverständnis haben. Warum ist das so? Kurz gesagt, weil er nicht der ist, für den ihn viele halten: Er ist kein klassischer Hütehund.
Im Prozess der Domestikation ist der Hund zunächst hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt seines „Gebrauchs“ gezüchtet worden, was natürlich bestimmte Charaktereigenschaften erforderte.
Zwar spielen die ursprünglichen Zuchtziele auf einen bestimmten „Job“ hin in der heutigen Zeit nur noch eine untergeordnete Rolle, aber darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass
unsere Rassen noch spezifische genetische Potentiale mitbringen.
Für das Zusammenleben zwischen Mensch und Hund hat die genetische Veranlagung des
Hundes Konsequenzen, denn je nach Verhaltenseigenschaften des Hundes stellen sich für seine Erziehung spezifische Herausforderungen.
Und hier muss man klar festhalten:
1. Der Bobtail sucht nach einer klaren Ordnung in seinem Rudel
2. Kann er diese nicht erkennen, wird er sich mit hoher Wahrscheinlichkeit im
Zuge seines Erwachsenwerdens, also ca. nach dem vollendeten ersten bis zum dritten Lebensjahr daran machen, selbst diese Position zu übernehmen
3. Hat er sich diese - ob nun eher subtil oder offen - erkämpft, will er sie
auch behalten und wird sich Frechheiten seines Menschen nicht gefallen lassen und entsprechend agieren, was selbstverständlich auch Aggressionsverhalten in den
unterschiedlichen Stufen beinhaltet, bis hin zum reglementierenden Biss.
Warum ist das so beim Bobtail?
Nun, vielleicht setzt sich endlich die Erkenntnis durch, dass unsere Bobtails nicht die klassischen Hütehunde sind, als die sie leider auch von Züchtern immer noch verkauft
werden. Sie unterscheidet ein wesentliches Merkmal von den reinen Hütehunden wie z.B. dem Border Collie, sie hatten immer neben ihrer Hütetätigkeit auch Wach- und Schutzaufgaben
zu erfüllen. Und das bedingt einen Hund mit folgenden Eigenschaften:
Er braucht ein gewisses Maß an Selbstständigkeit und Entschlussfreude.
Er muss außergewöhnlich aufmerksam sein, seine Umwelt genau beobachten.
Er braucht selbstbewusstes Auftreten.
Er benötigt ein entsprechendes Potential um seinen Verteidigungsaufgaben gerecht zu werden.
Natürlich ist ein Bobtail wiederum etwas anders als ein klassischer Herdenschutzhund, der
nichts mit Hüten am Hut hat, sondern „nur“ aufpassen und verteidigen muss und will. Entsprechend einfacher hat man es in der Erziehung und Einordnung eines Bobtails im
Vergleich zum Herdenschutzhund, aber eben auch schwieriger im Vergleich zum reinen Hütehund.
Warum? Nun, der reine Herdenschutzhund ist auf absolute Eigenständigkeit hin gezüchtet,
der geht nicht erst zum Schäfer melden und anfragen, was man denn jetzt mit dem Bären zu tun gedenke. Er braucht auch kaum Kommandos lernen, also sind diese Hunde nicht gerade
darauf gepolt, mit einem Menschen zusammen zu arbeiten und machen ihr eigenes Ding. Hütehundbesitzer haben dagegen in der Regel wenig Probleme damit, den Hund zur Mitarbeit
zum gemeinsamen Tun zu bewegen - dafür ist ein Hütehund schließlich auch gezüchtet.
Tja, unsere Bobtails sind nun eine Mischung aus beiden. Sie sind gelehrig und wenn man sie
richtig anpackt hochmotiviert zur Arbeit, gleichzeitig aber haben sie sehr wohl ihren eigenen Kopf, tragen einen Teil Eigenständigkeit in sich, vor allem aber die Suche nach klaren
Positionen - und genau daran scheitern viele Bobtailbesitzer. Sie sehen nur diese unglaublich süßen, knuddeligen Kuschelbären, die eine so starke emotionale Bindung zur ihrer Familie
zeigen, oft mit ihrem clownesken Verhalten alle begeistern und mit ihrem Temperament und ihrer Lebenslust einfach Frohsinn verbreiten. Und in diesem Hund soll ein selbstbewusster,
auch eigenständiger Hund stecken, der seine Familie genau auf ihre Schwächen hin beobachtet und analysiert, seine Schlüsse zieht und entsprechend handelt?
Problematische Hundehaltertypen
In meinem nun erfahrenen Leben mit vielen Hunden, Vereinen und Welpenkäufern stelle ich
immer wieder drei Hundehaltertypen fest, die Erziehungs- bzw. Dominanzprobleme mit ihren Hunden haben:
1. Die eine Gruppe glaubt ihren Hund ständig mit Liebesbeweisen überschütten zu müssen. Jeder Wunsch wird ihm von den Lippen abgelesen. Mag er sein Futter nicht,
bekommt er ein anderes hingestellt, besteht er beim Spaziergang im Regen darauf, umzukehren, dreht sein Besitzer selbstverständlich um, knurrt er beim Fressen, ziehen sich
die Besitzer verständnisvoll auf Zehenspitzen aus der Küche zurück. Dem Hund werden keine Grenzen gesetzt - man ist ja demokratisch eingestellt. Erziehung wird gleichgesetzt mit dem
Entzug von Freiheit und das will man dem süßen Kleinen nicht antun. Häufig handelt es sich um Besitzer kleinerer Rassen, aber so etwas gibt es durchaus auch bei Besitzern von großen
Hunden. Und leider auch bei vielen Besitzern von Bobtails!
2. Die zweite Gruppe glaubt ihrem Hund durch das ständige Abverlangen von
Unterordnungsübungen, die Anwendung (harter) körperlicher Bestrafung und das Halten des Hundes auf Distanz (räumlich wie psychisch verstanden) klarzumachen, wer der Boss ist.
Überschüttet die erste Gruppe ihre Hunde mit Liebe, will sich die zweite Gruppe mit dem Verweis auf eine zu verteufelnde Vermenschlichung des Hundes mit Liebesbeweisen bedeckt
halten. Häufig halten diese Besitzer größere Hunde, nicht selten in Zwingern. Dieser Typ Hundehalter ist beim Bobtail gottseidank kaum anzutreffen!
3. Die dritte Gruppe ist sich der Notwendigkeit einer Erziehung prinzipiell
bewusst, will das alles aber nicht so eng sehen. Sie besucht einen Hundekurs, übt einmal die Woche, vielleicht sogar auch unter der Woche. Auf die Korrektheit der Übungen kommt es
nicht so genau an. Wenn sich der Hund nicht gleich hinsetzt - egal, Hauptsache, beim vierten Befehl sitzt er endlich. Zieht er permanent an der Leine, ist er eben vom
Lieblingsfeind abgelenkt - da kann man nichts machen. Im Alltag muss der Hund durchaus mal Sitz und Platz machen, einigermaßen anständig an der Leine gehen - aber ansonsten
werden ihm keine Grenzen gesetzt, er läuft halt so als geliebter Kumpel mit. Diese Gruppe hält Hunde jeglicher Größe und Charakterbeschaffenheit. Bobtailbesitzer findet man auch
sehr häufig in dieser Gruppe.
Die Gruppen 1 und 3 können Dominanzprobleme bekommen - weil dem Hund keine Grenzen
gesetzt werden oder dies nur halbherzig geschieht, weil die Besitzer sich inkonsequent verhalten, weil sie sich benehmen, als seien sie dem Hund nachrangig.
Aber auch Hundehalter der zweiten Gruppe können Probleme bekommen, wenn sie an den falschen Hund geraten. Ein zu ängstlicher Hund wird die Behandlung nicht vertragen und
zusammenbrechen, dafür aber keine Dominanzprobleme bereiten. Ein einigermaßen wesensfester Hund wird bei der Behandlung ein gehorsamer, aber nicht glücklicher Hund
werden. Ein wirklich wesensfester und noch dazu selbstbewußt veranlagter Hund könnte sich jedoch gegen die ungerechtfertigte Härte seines „Meisters“ auflehnen. Diese Hundetypen der
Gruppe 2 werden tatsächlich eher zu gehorsamen Verhalten neigen als die Hunde in der Gruppe 1 und 3, doch sie werden ihre Besitzer nicht als Leitfigur ansehen, der sie voll und
ganz vertrauen, zu der sie aufsehen können.
Was ist eigentlich „Dominanz“?
Zumindest sind sich die Kynologen nach dem neuesten Wissensstand einig: Es gibt keinen
dominant geborenen Welpen und auch kein sogenanntes Alphatier in der Wurfkiste.
In der Hundeszene wird zur Zeit heftigst über Dominanzkonzepte gestritten. Das reicht von
der Ansicht, so etwas wie einen dominant veranlagten Hund gäbe es gar nicht, weil sich Dominanz ja immer nur in der Beziehung zwischen zwei Individuen darstelle, bis hin zu
Extrempositionen, die so weit gehen, dass man dem Hund nur dann Aufmerksamkeit schenken dürfe, wenn man mit ihm spazieren – Verzeihung, „jagen“ - gehe, denn nur darauf laufe es in
der Mensch-Hund-Beziehung hinaus: Man müsse sich als Mensch als der Führer in der gemeinsamen Jagd erweisen. So etwas gipfelt dann in Hinweisen, dass auch wir als
Hundebosse den Hund links liegen lassen müssen, wenn wir nicht mit ihm draußen sind, da das Wolfsrudel angeblich nur auf der gemeinsamen Jagd miteinander interagiere.
Es ist schon vertrackt: Die einen, denen es noch nie gepasst hat, dass ihr Hund kein demokratisch gesinntes Wesen ist, sehen in den die starren Dominanzkonzepte relativierenden
Forschungen jetzt für sich die Chance die Notwendigkeit einer Rudelführerschaft gänzlich zu verneinen, woraus dann auch der Schluss zu ziehen ist, dass ein Hund nur dann einen Befehl
auszuführen habe, wenn der für ihn auch einen Sinn mache, alles andere sei Gewaltausübung am Hund.
Die anderen sehen in allen möglichen Verhaltensweisen des Hundes nur noch eine
Dominanzgeste - wie in der Tatsache, dass ein Hund sich auf die Füße seines Menschen legt. Warum tut er das? Na klar, er will seinen Menschen dominieren. Indem er sich auf die Füße
liegt, schränkt er dessen Bewegungsfreiraum ein, der Mensch kann sich nicht fortbewegen ohne dass der Hund es zulässt. Nun, das kann im Einzelfall tatsächlich eine Dominanzgeste
des Hundes sein, häufig ist das Verhalten jedoch lediglich Kontaktliegen des Hundes als Ausdruck eines Zusammengehörigkeitsgefühls.
Worauf ich hinaus will: In der Diskussion darüber, wer denn nun der Führer ist, ob es einen Alpha gibt oder nicht, woran man dominantes Verhalten am Hund erkennt, ob es überhaupt
einen dominanten Hund gibt, etc., geistern die abstrusesten Vorstellungen durch die Köpfe. Der gesunde Menschenverstand bleibt hier außen vor.
Die Leidtragenden sind die Hunde, denn ihnen fehlt die Orientierung. Wir erhöhen sie aus Unwissenheit Tag für Tag in ihrer Position, so dass sie notwendigerweise als Chefs agieren
und das wird dann mit großer Empörung quittiert: „So ein aggressiver Hund“. Jetzt sind die Züchter gefragt, „die müssen endlich aggressionsfreie Hunde züchten“. Der fehlgeleitete
Hund wird entsorgt und wenn es dann noch eine rassespezifische Stiftung wie “Bobtails in Not” gibt, braucht man ja auch kein gar so schlechtes Gewissen zu haben, weil man ja
zunächst seinen Hund nicht im Tierheim ablädt.
Woran erkennt man "Dominanz"probleme?
Spätestens wenn der Besitzer vom Hund gebissen wird, dürfte ihm klar sein, dass er ein
Problem mit seinem Hund hat. Anderen Besitzern wird dieses bereits klar, wenn der Hund nach ihnen in die Luft schnappt, ihnen die Zähne zeigt oder sie vielleicht sogar nur leise und verhalten anknurrt.
In der Regel wird erst bei offen aggressivem Verhalten des Hundes erkannt, dass etwas schief gelaufen ist. Doch das meiste offen aggressive Verhalten hat eine mehr oder weniger
lange Vorgeschichte, in der der Hund schleichend gelernt hat, seine erwachsenen menschlichen Rudelmitglieder nicht als ihm überlegen anzusehen. Der Hund registriert ein
Machtvakuum und testet in vorsichtigen Schritten aus, wie weit er sich hocharbeiten kann. Anfangs stellt er beim Spaziergang vielleicht nur plötzlich seine Ohren auf Durchzug. Obwohl
keine große Ablenkung vorhanden ist, bequemt er sich erst nach mehrmaligem Rufen, zu seinem Besitzer zurückzukehren. Auf die Aufforderung, seinen Popo von der Haustür
wegzubewegen macht er einen auf tief schlafend. Er grummelt beim Fressen vor sich hin, wenn sein Besitzer die Frechheit besitzt, sich ebenfalls in der Küche aufzuhalten. Bei der
Fellpflege versucht er ständig sich zu entwinden, bekommt er mit, dass er gebadet werden soll, zieht er sich unter das Sofa und antwortet auf alles Locken nur mit Drohgeknurre.
Die Anfangsstadien der schleichenden Machtübernahme des Hundes verlaufen meist so harmlos, dass den Besitzern nichts auffällt, oder sie das, was ihnen auffällt, als nicht
weiter schlimm betrachten. Doch ehe sie sich versehen erobert sich der Hund immer mehr Nischen und setzt seinen Menschen Verbote. Diese spricht er zunächst nur durch Knurren,
dann durch Schnappen und schließlich durch Beißen aus. Die Besitzer sind vom ersten offensichtlich aggressiven Anzeichen ihres Hundes so überrascht, dass sie, teils aus
Überrumpelung, teils aus Angst, instinktiv zurückweichen, womit der Hund für sich positiv gepunktet hat: Sein Verhalten war erfolgreich, also wird er es wieder probieren.
Die wenigsten Hundebesitzer sind so reaktionsschnell und beherzt, den Hund entweder sofort mit drohenden Blicken, tiefer, energischer Stimme am Nacken zu packen oder auf den Rücken
zu werfen und dort niederzudrücken, bis sich der Hund ergibt. Genau diese Reaktion auf den ersten aggressiven Versuch des Hundes würde jedoch häufig den letzten Versuch des Hundes
bedeuten - er traut sich nie wieder.
Sehr selbstbewußt veranlagte Hunde, insbesondere in der Pubertät und insbesondere Rüden,
werden die Cheffrage jedoch auch trotz dieser Maßnahme vielleicht noch häufiger stellen.
Anzeichen für Dominanzprobleme können sein:
- anknurren
- Zähne fletschen
- in die Luft schnappen
- beißen, wenn dem Hund irgendetwas nicht passt (z.B. körperliche Nähe, angefasst werden,
beim Fressen gestört zu werden, einen Leinenruck zu bekommen, in der Ausbildung unter Einsatz der Hände seines Besitzers körperlich korrigiert zu werden, Fellpflege)
- das Nichtbefolgen von Befehlen
- das nur zögerliche und unkorrekte Ausführen von Befehlen
- das Sträuben gegen ein Auf-den-Rücken-drehen
- das Sträuben auch nur irgendwie festgehalten zu werden
- das ständige Zerren an der Leine
- die Weigerung, den Platz zu verlassen, an dem der Hund gerade liegt
- das Vorpreschen durch Türen, Gänge, Treppen hinauf und hinunter
- das aggressive Verhalten gegenüber anderen Hunden
- das nachdrückliche Einfordern von Aufmerksamkeit
- die Besetzung strategisch wichtiger Plätze in der Wohnung, z.B. Flur, Treppenabsatz
- das Bestreben möglichst auf erhöhten Liegeflächen zu legen wie Sofa, Bett, Küchenbank, etc.
- bei Rüden: ständiges Markieren
- das Nichtauslassen von Gegenständen
- das Berammeln von Menschen
- das morgendliche Ignorieren des Besitzers oder das Ignorieren desselben, wenn dieser nach Hause kommt
Wohlgemerkt: Dies können Anzeichen dafür sein, dass der Hund von sich glaubt, eine hohe
Stellung zu besitzen, müssen es aber nicht notwendig sein!
Dominanz äußert sich nicht nur aktiv in eher aggressivem Verhalten, sondern auch in passiver
Dominanz: Auf die Anweisung hin den Fernsehsessel zu räumen, dreht sich der Hund wohlig brummelnd auf den Rücken und verlangt Steicheleinheiten am Bauch. Beim Spaziergang kommt
er zwar auf Zuruf zurückgelaufen, dreht aber zunächst noch einige Kapriolen um den Besitzer. Wird von ihm ein Platz verlangt, rettet er sich mit drolligem Pfötchengeben. Soll
er still liegen, schnappt er sich nach kurzer Zeit ein Spielzeug und bringt es wedelnd seinem Besitzer, etc. Solche Hunde bringen ihre Besitzer zwar meist nicht in Gefahr, weil sie sich
nicht aggressiv verhalten, aber erzieherische Bemühungen fruchten kaum etwas. Als lustige, häufig temperamentvolle Hunde bestimmen sie mit Charme, wo es im Familienrudel langgeht.
Die Besitzer sind sich dessen entweder nicht bewusst oder belächeln es. Dabei wird jedoch erstens vergessen, dass Erziehung und Gehorsam für den Hund lebensrettend sein kann und
dass zweitens auch solche passiv dominanten Hunde in aktiv dominante, offen aggressive umschlagen können.
Wie kann man es nun richtig machen?
1. Die Züchter sind gefragt - aber nicht, indem sie „aggressionsfreie“ Hunde
züchten (eine perverse Idee), sondern indem sie Welpeninteressenten über typische Merkmale der Rasse aufklären - und nicht nur über die wünschenswerten, tollen Merkmale, sondern
auch über die, die zu Problemen führen können. Das Dominanzstreben erwachsen werdender Bobtails, vor allem der Rüden gegenüber ihren Menschen, aber auch gegenüber ihren
Artgenossen muss dabei offen besprochen werden.
2. Die Züchter sind nochmals gefragt - indem sie nämlich genau hinschauen,
ob jemand überhaupt Bobtail-geeignet ist und außerdem, wer zu welchem Welpen passt. Jeder verantwortungsvolle Züchter, der seine Welpen den ganzen Tag über begleitet, sieht
sehr schnell, welcher von seinen Welpen größere expansive Bestrebungen zeigt. Nicht nur muss er als Züchter schon in den ersten 8 Wochen reglementierend eingreifen, sondern er
muss genau schauen, wem er diesen Hund anvertrauen kann - und wem eben nicht.
3. Die Hundebesitzer in spe sind gefragt - sich genau über die Rasse zu
informieren und sich selbstkritisch zu fragen, ob man es nicht vielleicht mit einer Rasse probiert, die weniger Probleme in Sachen Einordnung bereitet, wie z.B. einem Kleinpudel.
Ist sich der Interessent dessen voll bewusst, für welche Rasse er sich entscheidet, wenn er einen Bobtail kaufen will und ist der Züchter der Meinung einen guten Welpenkäufer gefunden
zu haben, geht die Arbeit weiter:
Einordnung im Welpenalter
Jetzt heißt es, den Hund von Welpenbeinen an richtig einzuordnen - und nicht erst mit
Bemühungen anzufangen, wenn einem der Kleine plötzlich auf dem Kopf herumtanzt oder gar schon die Zähne zeigt.
Das Verrückte an der ganzen Situation ist, dass es eigentlich so einfach ist einem Hund zu zeigen, dass er unter den erwachsenen Familienmitgliedern steht. Man braucht gar nicht viel
Zeit, die man zusätzlich investieren muss, man braucht auch keinen Hundeverein oder eine Hundeschule, alles was man braucht ist die Kenntnis darüber, wie sich ein Hundeboss in
einem Rudel verhält - und das gilt es zu imitieren.
Und das heißt:
Hundebesitzer müssen Autorität ausüben wollen und können. Antiautoritäre Erziehung hat
nichts mit besonderer Liebe zu tun, sondern sie ist wider die Natur des Hundes.
Nun meinen sehr viele Hundebesitzer, sie könnten Autorität über ihren Hund nur durch
(körperliche) Härte erlangen. Doch das ist ein Irrglauben. Sie können damit dem Hund zwar Angst einjagen, doch das heißt noch lange nicht, dass er seinen Menschen als Autorität
akzeptiert. Autorität gewinnt man durch einen kontrollierten Umgang mit dem Hund, durch das Setzen von Regeln und dem konsequenten Bestehen auf Einhaltung dieser Regeln, durch
die Vermittlung von Ruhe und Überlegenheit in jeder Lebenssituation, durch die Vermittlung von Erfolgserlebnissen, die der Hund immer dann hat, wenn er in Kooperation mit seinem Menschen agiert.
Wichtig ist auch ein vorausschauendes Denken: Hundebesitzer müssen sich angewöhnen, die Zeichen des Hundes so schnell zu entschlüsseln, dass sie ihm immer einen Schritt voraus
sind. Der Hund erlebt seinen Menschen so als einen Allwissenden, den man nicht austricksen kann.
Im Grunde genommen braucht man sich nur einen Satz zu merken: Der Chef agiert, die
anderen reagieren. Auf die Beziehung zum Hund übertragen heißt das: Man selbst bestimmt, wann gespielt, mit was gespielt, wie lange gespielt, wann und wie lange und wo geschmust
wird. Man selbst bestimmt, wann man zum Spaziergang aufbricht, wie man sich auf dem Spaziergang beschäftigt, in welche Richtung man an einer Kreuzung abbiegt. Nicht man
selbst gibt auf dem Gang dem Hund ständig Signale, indem man stehen bleibt, zurückgeht, eine andere Richtung einschlägt, sondern der Hund muss lernen sich selbstständig am Besitzer
zu orientieren. Nicht der Mensch stürzt morgens nach dem Aufwachen zu seinem Hund und begrüßt ihn, gleiches gilt für das Nachhausekommen.
Der Mensch hat Zugang zu allen Ressourcen, kann essen, wann und was er mag, liegen wo und wie lange er mag, sich mit anderen Rudelmitgliedern beschäftigen, wann und wie er es mag.
Dem Hund werden keine Privilegien zugestanden, die ihn auf falsche Gedanken bringen könnten: Er sollte zeitlich nicht vor seinen Menschen fressen und sollte sich sein Futter
erarbeiten, statt es nur vor die Nase gestellt zu bekommen. Er bekommt auch nichts von den Mahlzeiten seiner Menschen am Tisch ab. Er darf nicht an solchen Stellen des Hauses seinen
Lieblingsplatz aufschlagen, wo er alles im Blick hat. Er hat auf Aufforderung seinen Platz zu räumen.
Geistig-seelische Führung ist die eine Seite, aber man darf auch nicht verhehlen, dass es
durchaus auch darauf ankommen kann, dem Hund auch körperlich gewachsen zu sein. Das allein kann bei bestimmten Kombinationen wie „zarte Frau - bulliger Rüde“ schon kompliziert
werden. Denn ein Hund, der seinen Menschen mühelos an der Leine hinter sich herschleift, ihn jedes Mal von den Beinen holt, wenn ein Kaninchen auftaucht oder sich einfach stur
weigert seine 45 Kilo von der Haustür wegzubewegen, kann natürlich dazu tendieren, seinen Menschen nicht so ganz für voll zu nehmen.
Körperliche Reglementierung?
Nun sind wir auch beim Thema körperliche Reglementierung angelangt. Sie ist - auch beim
Bobtail - in der Regel nie gänzlich zu vermeiden, ist meist schon bei den Welpen nötig. Wie diszipliniert ein Führungshund? Er diszipliniert seine Untergegebenen durch Anstarren, starre
Körperhaltung, Drohknurren, Griff über den Fang, Packen im Nackenfell, Niederdrücken auf den Boden. Das geht ratzfatz im Sinne eines Überraschungsangriffs - und wird
dementsprechend dosiert, wie aufmüpfig der Hund ist. So, und das kommt eben auch auf uns als Bobtailbesitzer zu - in der Regel. Natürlich geht es den meisten Menschen so, dass sie
ihren Hund allein verbal kontrollieren wollen und dahin geht ja auch das Ziel der Erziehung. Aber auf diesem Weg zum Ziel, bei dem nur noch ein Blick reicht, um den Hund von einer
neuen „Schandtat“ abzubringen“, bedarf es einfach ab und zu körperlicher Reglementierung - auch wenn ein solcher Satz heute geradezu verpönt ist. Diese Reglementierung besteht aber
nicht im Aufhängen am Stachelhalsband, im Tritt in die Seite, dem Umdrehen der Hoden oder einer gezielten „Kopfnuss“, sondern in einer der Hundesprache angemessenen Form.
Natürlich kann ich einem Hund mittels Tritten Schmerzen zufügen und ihm damit klarmachen, dass ihm diese Schmerzen wieder drohen, sollte er das unerwünschte Verhalten nochmals
zeigen. Aber als Geste eines überlegenen Tieres begreift der Hund die oben genannten Maßnahmen wie den Schnauzgriff. Und wer seine erwachsenen Hunde beim Reglementieren der
eigenen Welpen beobachtet, weiß es genauso wie aufmerksame Beobachter von Geschehen in Hundegruppen: Diese Formen der Reglementierung werden verstanden, führen nicht zum
Vertrauensverlust, man benimmt sich hinterher ganz normal, keiner der Beteiligten ist nachtragend etc.
Bei Miniwelpen, die sich beispielsweise das Angefasst- und auf den Arm genommen werden,
während sie doch eigentlich viel lieber mit einem Kumpel spielen oder einen Puschen zerlegen wollen, sofort mittel Einsatz ihrer Beißerchen verbieten wollen, reicht - leider - in der Regel
kein Anstarren aus. Böses Grummeln, ein Schnauzgriff oder Nackenstubs nach unten sind viel effektiver - und die Probleme fangen so erst gar nicht an.
Der Bobtail in der Welpenspielstunde
Minibobtails in der Welpenspielstunde zeigen erstaunliches Wehrhaftigkeitsverhalten, wenn
ihnen etwa nicht passt - und agieren gerne gleich mit Lefzenhochziehen, Attacke nach vorn, Zubiss. Ist der Welpe deswegen verhaltensgestört - natürlich nicht!!! Der zeigt
Testverhalten. Ihm passt was nicht, er artikuliert das auf seine Hundeweise - und wir sollten ihn nun eben im wahrsten Sinne des Wortes ratzfatz auf den Boden der Tatsachen
zurückholen: „Mich als Chef knurrst du nicht nochmals an und geschnappt wird schon gar nicht“. Welpenbesitzer stehen dann erstaunt und erschrocken da, sehen ihr schreiendes
„Baby“, das sich kurz nach der Reglementierung mittels Anstarren, verbalem Anschiss und Niederdrücken durch den Übungsleiter schon wieder begeistert ins Vergnügen stürzt und von
da an besonders gerne zum Übungsleiter geht, ihn begeistert begrüßt, sich gern bei ihm aufhält - obwohl dieser „schlimme“ Mensch ihn so heftig angefahren und mal kurz auch noch
auf den Boden gedrückt hat - und nicht nur das, er hat ihn auch noch da gehalten, bis das Strampeln aufhörte.
Für mich ist nach Bekanntschaft mit "1000" Welpen eines völlig klar: Bereits der kleine Welpe sucht einen festen Orientierungspunkt, eine verlässliche Person, die ihn nicht nur
füttert und mit ihm spazieren geht, sondern die ihm die Dinge des Lebens zeigt, ihm ein Gerüst aus festen Grenzen schneidert, innerhalb derer er Freiheiten genießen kann. Eine
Person, die auch über ihn lachen kann, ihm mal Frechheiten zugestehen kann, dosiert eingreift, nicht immer nur nach dem Motto verfährt: Daumen drauf. Bobtails erscheinen mir
da ganz besonders sensibel und quittieren schnell die Schwächen ihrer Besitzer.
Erziehungskurse und Hundesport als Lösung?
Was beim Welpen versäumt wurde, wird nicht besser. Im Gegenteil: Irgendwann kommt der
junge Hund nicht mehr so brav auf Zuruf, erweitert seinen Aktionsradius, interessiert sich mehr für andere Hunde als für seine Besitzer. Das Zerren an der Leine hat er zwar schon
immer gemacht, aber jetzt tut es richtig weh, weil er so schwer geworden ist!
Tja, und dann kommt der Gedanke, man müsse vielleicht doch einmal einen Erziehungskurs besuchen?
Und hier geht der nächste Irrglauben los: Das Beibringen von Leinenführigkeit, Sitz, Platz, Bleib, etc. soll genauso wie ein super Verfolgen einer Fährte oder ein fehlerfreier Flug über
den Agilityparcours notwendigerweise ein Beleg für eine funktionierende Rangordnungsbeziehung sein.
Klar: Ein Hund, der seinen Menschen als Chef akzeptiert, wird Befehle, sofern sie ihm gut
beigebracht worden sind und er sie auch wirklich versteht, ausführen. Umgekehrt wird aber kein Schuh daraus: Nur weil ein Hund Befehle ausführt, heißt das noch lange nicht, dass er
seinen Chef als Chef akzeptiert! - Wieso? Hier kommt das Thema Motivation ins Spiel: Warum sollte sich ein Hund dagegen wehren, auf Befehl mit über den Parcours zu rennen,
wenn ihm kaum etwas mehr Spaß bereitet? Warum soll er einen Platzbefehl verweigern, wenn es ihm einfach egal ist, ob er nun steht, sitzt oder liegt?
Wie weit ein Hund seinen Menschen wirklich als Chef akzeptiert, sieht man dann, wenn er Befehle erhält, die seinen inneren Bedürfnislagen entgegenstehen: Er liebt beispielsweise
andere Hunde und will unbedingt schnell hin - lässt er sich auf entsprechenden Befehl hin an lockerer Leine weiter führen oder nicht? Er liebt Wasser, darf aber wegen einer
Blasenentzündung heute mal nicht hinein - lässt er sich zurückrufen oder nicht? Er sitzt voller Begeisterung im Auto, sieht bereits, dass die Fahrt zu seinem beliebten Spazierweg
geführt hat, freut sich wie ein Irrer aufs anstehende Toben und Rennen, will endlich raus - wartet er auf entsprechenden Befehl hin ruhig bei geöffneter Klappe die Erlaubnis ab, oder stürzt er hinaus?
Worauf ich hinauswill: Gerade weil wir - Gott sei Dank - in der Ausbildung über Motivation arbeiten, ist das tolle Laufen eines BH-Schemas oder ein super Revieren nicht unbedingt der
Tatsache zu verdanken, dass wir unseren Hund von unserer Chefposition überzeugen konnten, sondern u.U. allein der Tatsache, dass der Hund gelernt hat mit uns zusammen Spaß haben zu können.
Natürlich ist das auf der einen Seite vollkommen in Ordnung. Mensch und Hund arbeiten zusammen, haben beide ihren Spaß, das stärkt die Bindung - und kann auch die Rangordnung
stabilisieren, aber es ist nicht automatisch ein Garant für eine funktionierende Einordnung des Hundes! Es ist keine große Leistung, einen Hund dazu zu bewegen etwas zu tun, das er
sowieso gern macht und auch nicht etwas zu unterlassen, das ihm eh nicht wichtig ist. Ihn von etwas abbringen, das seine Leidenschaft ist, bzw. ihm etwas abzuverlangen, das er
eigentlich blöde findet - das erfordert die „Einsicht“ des Hundes, dass er eben tun muss, was der Chef von ihm will.
Hunde haben damit kein Problem - ihre Menschen machen eins daraus. Weil sie meinen, partnerschaftlicher Umgang bedeute, man gehe gleichberechtigt miteinander um. Es gibt
Hundetrainer, die ihren Kunden allen Ernstes einbläuen, dass sie als Hundehalter eben missverständlich kommunizierten, wenn ihr Hund sich gerade mal nichts ins Platz legen will.
Doch aus der Erkenntnis als Trainer, dass viele Hundehalter tatsächlich so abstrus mit ihrem Hund kommunizieren, dass der gar nicht wissen kann, was er eigentlich machen soll, kann
nicht die These abgeleitet werden, es handle sich per se immer nur um Missverständnisse. Häufig handelt es sich um Austesten: Beharrt der Alte jetzt darauf, dass ich tue, was er
will oder nicht. Der Besitzer hat es im Alltag versäumt dem Hund klar zu machen, dass letztlich er als Mensch die Entscheidung trifft.
Der Unterschied zwischen Beibringen und Abverlangen
Leider wird in der modernen Hundeerziehung häufig ein gravierender Fehler begangen:
Die erste Stufe stimmt noch: Man bringt dem Hund über motivierende Erziehung etwas bei, so dass er versteht, was man von ihm möchte - sei es das Verbleiben im Platz, das
Apportieren eines Gegenstandes, das Einfädeln in den Slalom, das Auslassen von unerlaubten Gegenständen.
Doch die zweite Stufe wird nicht in Angriff genommen - das Abverlangen des Gelernten.
Macht der Hund auch beim dritten verbalen Zeichen noch kein Platz, geht die Hand in die Leckertasche, bewegt sich zu Boden – et voilà, der Hund liegt im Platz. Hat er hiermit einen
Befehl befolgt und wird dafür mit einem Leckerchen belohnt? Nein, er trainiert seinen Menschen darauf, bitteschön immer ein Lecker auf den Boden zu legen, bevor der Hund sich
legen soll. Den Hund dagegen nach der zweiten, wohlgemerkt freundlichen Aufforderung mit den Händen ins Platz zu legen - das grenze ja schon gleich wieder an körperliche Gewalt ist
und sei daher prinzipiell abzulehnen. Was lernt der Hund?: „Ob ich Befehle befolge, entscheide letztlich ich.“
Insofern kann auch die Teilnahme an einem Erziehungskurs die Mensch-Hund-Beziehung nicht nur nicht verbessern, sondern gar verschlechtern, denn:
1. Der Hundehalter glaubt ernsthaft, er widme sich ja jetzt der Erziehung
des Hundes auf dem Hundeplatz, macht vielleicht auch noch die Hausaufgaben. Aber ansonsten bleibt alles beim Alten.
2. Wenn der Hundehalter richtig Pech hat, gerät er an Vertreter der
modernen Kuschelstrategie: „Dein Hund macht nicht Platz - dann hast du ihn wohl nicht richtig motiviert?“ Der Hund lernt, seine Menschen nicht ernst zu nehmen und zu manipulieren.
Dann wird er geschlechtsreif, er reift langsam zum Erwachsenen, hat eine Biographie hinter sich, in der ihm ständig Dinge zugestanden worden sind, die eigentlich nur dem Chef
zustehen und mit Menschen gelebt, die keine Führungsqualitäten haben. Er zieht die Konsequenz, macht, wozu er Lust hat. Oft merkt noch immer keiner etwas, wenn das, wozu
der Hund Lust hat, nicht so sehr den Interessen seiner Menschen widerspricht. Aber dann kommt der Tag, an dem der Mensch etwas will, was der Hund absolut nicht will: Er soll z.B.
aus dem Weg gehen, weil sein Mensch dieses Mal ein Tablett mit lauter Gläsern darauf hat und sich das ansonsten übliche Umkurven des Hundes, den man ja nicht stören will, nicht
zutraut. Der Hund reagiert auf Ansprache nicht, wird leicht mit dem Fuß angestupst, damit er endlich aufsteht. War dem Hund in diesem Moment seine Ruhe aber wichtig, fühlt er sich
extrem gestört, so wird er seinen Menschen zumindest anknurren, denn das Verhalten, das der Mensch gezeigt hat, geziemt einem Untergebenen nicht. Und als solchen nimmt der Hund
seinen Menschen wahr. Der Hund handelt sachlogisch konsequent - der Mensch ist hier der Versager.
Und wie geht die Geschichte aus? Man gibt diesen Hund ab - und holt sich den nächsten,
vielleicht von einem anderen Züchter, „der nicht so aggressive Hunde züchtet“! Selbsteinsicht gleich Null.
Der Leidtragende ist der Hund - ich brauche wohl kaum einem Bobtailbesitzer erzählen, wie
sensibel diese Hunde sind, wie stark sie sich auf ihre Familie fixieren!
Über falsch verstandene Dominanzprobleme
So wichtig es ist, als Hundehalter die Rangordnung im Familienrudel stets zu beobachten und
unter Kontrolle zu halten, so bedeutet dies jedoch nicht, in jedem Problem mit dem Hund gleich ein Dominanzproblem zu sehen.
Nicht jeder Hund, der seinen Besitzer anknurrt, tut dieses um ihn zu dominieren. Häufig ist der Hund durch das Verhalten seines Besitzers verstört, verängstigt, fühlt sich in die Ecke
getrieben und knurrt, schnappt, beißt aus einer Abwehr heraus, weil er das Gefühl hat sich verteidigen zu müssen. In dieser Situation mit der körperlichen Unterwerfung des Hundes zu
reagieren, weil man meint, man habe ein Dominanzproblemen, macht die Sache nur schlimmer.
Nicht jede Form des Ungehorsams bedeutet, dass ein Hund seinen Besitzer nicht als Boss
respektiert. Zwar ist es sicherlich richtig, dass man einen jagenden Hund wenn überhaupt nur qua eigener Dominanz und äußerst konsequenter Erziehung davon abbringen kann, doch
generell gilt eher der Fall, dass der Jagdtrieb mit dem Hund durchgeht. Ein Hund, der aus Panik vor Autos wie wild an der Leine zerrt, um von der Straße wegzukommen, stellt damit
nicht primär das Recht seines Halters in Frage, den Spazierweg bestimmen zu können, sondern er ist von seiner Angst so bestimmt, dass für ihn in dem Moment nur noch die Angst
zählt und sonst gar nichts. Ein Hund, der auf Grund mangelnder Sozialisation mit anderen Hunden im Welpenalter ein gestörtes Verhältnis zu seinen Artgenossen entwickelt hat und
diese nur noch „fressen“ will, kann zwar nur durch die Dominanz seines Besitzers unter Kontrolle gebracht werden, doch muss seine Aggression gegenüber den Artgenossen nicht ein
Infragestellen der Position des Besitzers bedeuten. Ein Hund, der an der Leine zieht, ist nicht automatisch ein schlechter untergeordneter Hund als einer, der nicht an der Leine zieht.
Einzelne Verhaltensweisen allein bestimmen nicht, wie der Hund seine Rangposition einschätzt, sondern die Gesamtheit seiner Verhaltensweisen. Schnellschüsse im Hinblick auf ein
angebliches Dominanzproblem helfen ebenso wenig wie die Verleugnung eines solchen. Hier hilft häufig tatsächlich nur der geschulte Blick eines guten Hundeerziehers, der
unterscheiden kann, ob es sich um ein Dominanzproblem handelt oder um etwas anders.
Fazit:
Es bleibt dabei: Einen Hund abgeben zu müssen, weil man an einem Punkt angekommen ist, an
dem man erkennen muss, dass man Angst hat vor ihm, dass alle Familienmitglieder bestimmte vom Hund diktierte Regeln einhalten müssen, damit es nicht zu einer Eskalation innerhalb der
Familie kommt, weil man einsehen muss, dass man in der Konfrontation mit anderen Menschen oder anderen Hunden keine Kontrolle mehr über den eigenen Hund hat - all das ist ein
Armutszeugnis für den Besitzer, nicht für den Hund. So einen Hund einzuschläfern ist ein Verbrechen. Es gibt nur ganz, ganz selten organische Ursachen für Aggressionsverhalten beim
Hund, in der Regel sind Bissvorfälle auf falsches Verhalten des Menschen zurückzuführen.
Ich kann nur die Arbeit unserer ehemaligen „Bobtail in Not“-Beauftragten Sabine Rinke
zutiefst bewundern, die mit all diesem Mist zuhauf konfrontiert wurde. Menschen, die sich bewusst für einen Bobtail in Not entscheiden, ihm eine zweite Chance geben, kann ich nur
Mut machen. Gerade bei Rangordnungsproblemen ist Hopfen und Malz nicht verloren - man kann so vieles tun, um das wieder gerade zu biegen, bzw. in der neuen Beziehung erst gar
nicht aufkommen zu lassen. Der Bobtail kapiert sofort, mit wem er es zu tun hat und wird sich - häufig zutiefst beglückt über das Finden eines souveränen Führers - gerne in seine
neue Familie einordnen, wenn diese es richtig anstellt.
An dieser Stelle möchte ich ergänzen: Danke Sabine, für alles, was Du für unsere Rasse Bobtail in Not getan und geleistet hast!
Mein aktueller Buchtipp:
Der Wolf im Hundepelz Hundeerziehung aus unterschiedlichen Perspektiven von Günther Bloch
Text mit freundlicher Genehmigung - angepaßt an die Rasse Bobtail - übernommen von Frau Dr. Gabriele Niepel www.hundeschule-niepel.de
|